Leistenbruch
In Deutschland werden pro Jahr fast 150.000 Leistenbruchoperationen durchgeführt.
Der Krankheitswert ergibt sich nur selten aus der direkten Beeinträchtigung durch die Hernie selbst, sondern wird meist durch die Komplikationen (z.B. durch Einklemmung des im Bruchsack befindlichen Darmes oder Bauchnetzes) bestimmt. Hierzu gehören Schmerzen, Passagestörungen des Darmes bis hin zu lebensbedrohlichen Durchblutungsstörungen der eingeklemmten Organe.
Das Prinzip der operativen Behandlung besteht in einem Verschluss der Bruchlücke und Verstärkung der Bauchdecke. Hierbei kommen verschiedene Operationstechniken in Frage. Die Entscheidung, welche Operationstechnik angewandt wird, hängt von der Art, Größe und Lokalisation der Hernie, sowie von der körperlichen Verfassung des Patienten ab.
Die Leistenhernie ist die häufigste Bauchwandhernie. 90% der betroffenen Patienten sind Männer, was mit der speziellen geschlechtspezifischen Anatomie der Leistenregion zusammenhängt, die kurz dargestellt wird.
Oberhalb des Leistenbandes liegt der Leistenkanal (canalis inguinalis), der bei einer Länge von 4-5cm schräg die Bachwand durchsetzt. Der Leistenkanal beginnt "innen" mit dem (Anulus inguinalis profundus) und reicht nach "außen" bis zum äußeren Leistenring (Anulus inguinalis superficialis). Der Leistenkanal wird durch 4 Wände begrenzt. Nach vorne durch den M. obliquus externus abdominis, nach hinten durch die Fascia transversalis, nach kranial durch den M. transversus und internus abdominis und nach kaudal durch das Ligamentum lacunare und reflexum. Durch den Leistenkanal zieht beim Mann der Samenstrang und die Gefäße für den Hoden, bei der Frau das Ligamentum teres uteri. Eine muskelfreie Stelle medial des inneren Leistenringes und der epigastrischen Gefäße macht die Leistenregion zu einer der größten Schwachstellen der Bauchwand.
Während die Vorderwand des Leistenkanals in Form der Aponeurose des M. obliquus externus abdominins keine wesentliche Schutzfunktion hat, ist die Hinterwand von zentraler Bedeutung. Die Dreischichtigkeit aus Peritoneum, Fascia transversalis und den aponeurotischen Ausläufern des M. transversus abdominis bietet ein starkes Widerlager für den Bauchinnendruck. Dabei ist die Fascia transversalis die am meisten belastbare Schicht.
Offene Techniken ohne Fremdmaterialien:
Operation nach Shouldice. Hierbei wird die Fascia transversalis entsprechend des Verlaufes des Leistenkanals längsgespalten und durch Unterschlagen des kaudalen Anteils unter den kranialen mit zweifacher Nahtreihe gedoppelt und damit verstärkt. Darüber hinaus wird der M. obliquus internus abdominis am Leistenband fixiert.
Offene, spannungsfreie Techniken mit Fremdmaterial:
Operation nach Lichtenstein
Bei wenig belastbarere Fascia transversalis mit großer Bruchpforte oder Rezidivhernien kann ein Netz zwischen Externusaponeurose und Internus- bzw Transversusmukulatur implantiert werden. Wir verwenden leichtgewichtige Polypropylennetze (nicht resorbierbare Kunststoffnetze), die bei richtiger Anwendung eine geringe Rezidiv- und Komplikationsrate aufweisen.
Operation nach Rutkow
Als Technik bei direkten und indirekten Leistenbrüchen sowie für alle Rezidiv-Leistenbrüche verbindet sie die Vorteile eines spannungsfreien Bruchlückenverschlusses mit einer raschen Belastbarkeit und einer kurzen Operationszeit.
Die lokalen und sogenannten offenen Operationsverfahren können in Lokal- oder in Periduralanästhesie durchgeführt werden. Der große Vorteil der Lokalanästhesie ist das Fehlen eines Narkoserisikos, insbesondere bei älteren Patienten oder bei pulmonalen oder kardialen Vorerkrankungen.
Elegante und in unserem Haus etablierte Operationstechniken sind die laparoskopischen Verfahren (transabdominelle präperitoneale und extraperitoneale präperitoneale Technik). Bei beiden Verfahren wird ein leichtgewichtiges Polypropylennetz zur Bauchdeckenverstärkung implantiert. Wir sehen die Indikation bei Rezidivhernien und bei der Versorgung beidseitiger Hernien gegeben. Nachteil ist, dass bei letzteren Operationstechniken eine Intubationsnarkose notwendig ist. Risikofaktoren, die gegen eine Allgemeinnarkose sprechen, sowie ausgeprägte respiratorische Störungen gelten als Kontraindikation.
Komplikationen:
Leistenhernienoperationen sind standardisierte und risikoarme Operationen. Dennoch beinhaltet das Operieren in enger Nachbarschaft zum Samenstrang, dem Darm, der Blase, Gefäßen und Nerven eine potentielle Gefährdung dieser Strukturen.
Hämatome im Wundbereich und dem Hoden treten in etwa 3% der Fälle auf. Genaue Blutstillung und atraumatisches Operieren können die Rate der Hämatome reduzieren. Die Wundinfektionsrate liegt unter 2%. Unter lokaler Behandlung heilen derartige Wundinfekte selbst nach Netzimplantation problemlos aus.
Chronische Leistenschmerzen treten sowohl bei den offenen als auch bei den laparoskopischen Techniken auf. Grund sind häufig im Rahmen der Reparation eingenähte oder verletzte Nerven. Nach Implantation von Netzen kann die Entzündungsreaktion auf das Fremdmaterial in der Nachbarschaft zu den Nerven Ursache für Leistenschmerzen sein. Die Infiltration mit Lokalanästhetika kann Besserung bringen. Bei Schmerzpersistenz besteht aber die Indikation zur Reoperation mit Nervenfreilegung.
Weiters kann durch die Verletzung der Gefäße des Hodens es zu einer Hodenatrophie oder gar dem Hodenverlust kommen. Es ist dies sicher die am meisten gefürchtete Spätkomplikation. Bei Rezidivleistenhernien ist das Risiko der Hodenatrophie um das 5-10 fache erhöht. Die genannten Komplikationen bestehen auch bei der Versorgung von Schenkelhernien. Die wichtigste Spätkomplikation ist die Rezidivhernie. In Abhängigikeit von der verwendeten Technik, Lokalisation und Größe liegt sie zischen 1%-10%.
Die laparoskopsichen Verfahren beinhalten neben den bereits genannten lokalen Komplikationen die verfahrensspezifischen Komplikationen, wie direkte Organ- und Gefäßverletzungen, Darmverklebungen sowie Hernien an den Trokar-Einstichstellen. In der Hand des erfahrenen Operateurs sind sie jedoch selten.

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